Donnerstag, 17. März 2011

Polizei beschert Hells Angels heißen Winter

Eine Großrazzia jagt die nächste: Tausende Polizisten sind zuletzt in Süddeutschland gegen die Rockerbande Hells Angels vorgegangen. Sie beschlagnahmten Pistolen, Messer, Knüppel - und stellten fest, dass offenbar auch Beamte für die Gangs arbeiteten.

Hamburg - Der öffentlich geschlossene Frieden der Rockerfürsten Hanebuth und Maczollek im Mai war ein Signal, auf das viele gewartet hatten: Die Polizei, die nicht länger vor den Vereinsheimen der Banden Wache schieben mochte. Die braven Bürger, die der vielen Schießereien und Messerstechereien überdrüssig waren. Und natürlich die Hells Angels und Bandidos selbst, die endlich wieder in Ruhe ihren Geschäften nachgehen wollten. Ohne Schlagzeilen, Razzien, Überfallkommandos.

Für einige Monate blieb es ruhig.

Doch die Idylle der Zeit vor dem Mord an dem Ibbenbürener Hells Angel Robert K. im Mai 2007, als sich weder in der Öffentlichkeit noch in der Politik irgendjemand für die Umtriebe der Gangs zu interessieren schien, lässt sich wohl nicht wieder herstellen. Inzwischen beraten die Innenminister der Länder regelmäßig über ein entschiedenes Vorgehen gegen die Rocker - und entsprechend hart greift nun auch die Kriminalpolizei durch.

Spezialeinheiten und die GSG 9

Wie Mitte November in Frankfurt. 2000 Beamte, darunter sämtliche Spezialeinsatzkommandos der Länder sowie die GSG 9, stürmten 50 Wohnungen, Häuser und Bordelle der Hells Angels. Sie stellten unter anderem 17 Pistolen und Gewehre, über 500 Schuss Munition sowie mehr als hundert Messer, Äxte, Keulen und Macheten sicher. Der Anführer der Mannheimer Höllenengel sowie einer seiner Gefolgsleute wurden verhaftet. Die Staatsanwaltschaft Darmstadt wirft den beiden schweren Raub und gefährliche Körperverletzung vor.
Dabei erscheint die Straftat, um die es hier geht, im Rockerkosmos eher alltäglich: Die Angels sollen im Juni ein Grillfest des Altherren-Motorradclubs Black Souls im hessischen Roßdorf überfallen und bei einer Schlägerei acht Männer verletzt haben. Höllenengel-Sprecher Rudolf "Django" T. vermutet daher, die Großrazzia gegen seine Kumpanen habe "politische Hintergründe". Vermutlich sammelten die Behörden Informationen für ein Vereinsverbot, spekuliert er.
Ob sie fündig werden?

Erneute Razzia

Am vergangenen Freitag liefen erneut 1100 Polizisten im Rhein-Main-Gebiet auf und durchsuchten 27 Gebäude der Hells Angels. Zwei Mitgliedern des Frankfurter Charters wirft die Staatsanwaltschaft Darmstadt Drogenhandel im großen Stil vor. Es geht um Amphetamine und kiloweise Marihuana. Zudem ermittelt die Staatsanwaltschaft Frankfurt in Rockerkreisen, nachdem einem Angel im Oktober 2009 in den Arm geschossen worden war. Die Beamten gehen von einer clubinternen Bestrafungsaktion aus.
Der hessische Innenminister Boris Rhein (CDU) bekannte nach der Großrazzia, es gehe weniger um die Sicherstellung von Waffen und Drogen - es wurde außer einer Gaspistole nämlich kaum etwas gefunden - als vielmehr darum, die Strukturen der Hells Angels aufzuklären. Die bundesweite Strategie des Vereins sei "das Einsickern in die öffentliche Verwaltung, in Polizei und Justiz". Das habe "glasklar mit organisierter Kriminalität zu tun", so Rhein.
Erstaunlich fand der Innenminister nach eigenem Bekunden vor allem, dass Polizisten von Rockern bestochen worden sein sollen. So wird ein Erster Kriminalhauptkommissar des Landeskriminalamts, 50, verdächtigt, für 10.000 Euro dienstliche Informationen an die Angels weitergegeben zu haben. Vier weitere Polizisten, darunter eine Kriminaloberkommissarin aus dem Frankfurter Präsidium, sollen nicht nur die Rocker unterrichtet, sondern auch mit Drogen gehandelt haben.
Die Beamtin hat inzwischen eingeräumt, Betäubungsmittel verkauft zu haben, wie die Staatsanwaltschaft Darmstadt auf Anfrage mitteilte. Jedoch werde man ihr den Verrat von Dienstgeheimnissen wohl nicht nachweisen können. Es hieß, die 34-Jährige sei mit einem Mitglied der Frankfurter Hells Angels bekannt. Laut "Bild"-Zeitung soll die Kommissarin ein Verhältnis mit dem Rocker gehabt und sich sogar für ihn prostituiert haben. Die Staatsanwaltschaft konnte das nicht bestätigen, wollte es jedoch auch nicht ausschließen.

Durchsuchungen in Baden-Württemberg

Auch in Baden-Württemberg ist die Polizei am Montag mit einem noch nicht dagewesenen Großaufgebot gegen die Hells Angels vorgegangen. Im Morgengrauen durchsuchten mehr als 900 Beamte insgesamt 28 Wohnungen und Gebäude der Rocker. Die Ermittler stellten neun Schusswaffen sowie Macheten, Molotow-Cocktails und ein Samuraischwert sicher, außerdem Munition, Handys und Computer.
Auslöser der Aktion ist eine brutale Auseinandersetzung zwischen Hells Angels und der Türstehervereinigung United Tribuns Ende November in Pforzheim. Dabei waren zwei Tribuns durch Machetenhiebe auf den Kopf und ein Hells Angel durch einen Messerstich in die Nierengegend verletzt worden.
Laut Staatsanwaltschaft soll der Pforzheimer Hells-Angels-Vizepräsident Danny K., 35, seinerzeit mit einem scharfen Revolver Kaliber .38 Special auf die Widersacher geschossen haben. Sein Bruder Marcus, 25, ebenfalls Angel, feuerte wohl mit einer Schreckschusswaffe. Beiden wird nun versuchter Mord vorgeworfen.
Über die Hintergründe des Konflikts sind die Ermittler sich noch nicht im Klaren. Alle Beteiligten schweigen. Es könnte um die Vorherrschaft an den Discotüren der Region gehen oder auch um "persönliche Animositäten", wie der Sprecher der Staatsanwaltschaft sagte. Danny K. soll selbst früher den Tribuns angehört haben. Gegen die Gebrüder K. sowie ein 22 Jahre altes Mitglied des Unterstützerclubs Kommando 81 wurden Haftbefehle erlassen.

Festnahme auf Mallorca

Und einem weiteren bekannten Rocker ging es in der vergangenen Woche an den Kragen. Die spanische Polizei nahm auf Mallorca Christopher R. fest und fand in seinem Mercedes eine Machete, eine Pistole und einen Schlagring. Der 35-Jährige wurde wegen des Verdachts auf illegalen Waffenbesitz dem Haftrichter vorgeführt.

R. geriet in die Schlagzeilen, als er zusammen mit drei Komplizen bei der Fußball-WM 1998 den französischen Gendarmen Daniel Nivel fast zu Tode prügelte. Dafür wurde er zu dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Danach brachte es R. zum Vizepräsidenten der Hells Angels in Potsdam, im März dieses Jahres gründete er die Filiale auf Mallorca samt Clubheim in El Arenal.

Prompt bekamen die Angels Ärger mit der deutschen Rocker-Gang Gremium, die im Norden der Insel residiert. Vor dem Richter bestritt R., dass die Waffen ihm gehörten. Er habe den Wagen nur geliehen und nichts davon gewusst. Die Polizei indes vermutet, R. sei unlängst verprügelt worden und nun auf dem Weg gewesen, Rache zu nehmen.
"Das Kapitel ist juristisch aufgearbeitet und für mich endgültig abgeschlossen", hatte R. im November 2009 SPIEGEL ONLINE gesagt und damit die Attacke auf den Polizisten Nivel gemeint. Es scheint allerdings nicht so, als sei er in der Zwischenzeit ein friedliebender Zeitgenosse geworden.

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